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Unbekanntes Land

Schlagworte
Datum
30.01.2019

Was ist Heimat? Ein Ort? Ein Gefühl oder eine Person? Nadja Raszewski macht in „Arriving on Set“ Fremde erlebbar. Die Tanztangente wird zu einem Ort der Schwere und Nachdenklichkeit. 

Ankommen in der Fremde 

Das Stück beginnt in der Heimatlosigkeit – im Warten auf den nächsten Schritt. Die Zuschauer*innen dürfen die Tanztangente nicht einfach leichten Fußes betreten, sondern werden in Vierergruppen abgeholt. Sie alle sind Teil des Stückes.

In einem schmalen Raum laufen sie über ein Posten mit schwarz-weißen Portraits von Menschen verschiedener Herkunft. Sie werden von einer Kamera beobachtet, die ihre Schuhe und Beine filmt. Dann setzen sie sich in eine Art Warteraum vor eine Leinwand, die das Gefilmte zeigt: ihre kleinen oder großen Schritte, ihren bedächtigen oder hastigen Gang, und wie sie versuchen, nur auf den Linien zu laufen, welche die einzelnen Portraitfotos voneinander trennen. Was mag wohl als Nächstes geschehen?

Traurige Gedanken in der Dunkelheit

Das Stück gibt keine Antworten, sondern erzählt von den Erfahrungen verschiedener Jugendlicher mit Heimat. Gemeinsam mit Insassen der Jugenstrafanstalt Berlin und fünf Performer*innen der Tanztangente erarbeitete Raszewski „Arriving on Set“. Beim PURPLE-Tanzfestival besuchte eine Willkommensklasse die Aufführung. Das Thema bewegte sie sehr, nach dem Stück unterhielten sie sich noch lange mit den Tänzer*innen.

Es ist stockdunkel auf der Bühne. Eine männliche Stimme erklingt in der Dunkelheit: „Heimat ist für mich kein konkreter Ort, kein kontretes Land. Heimat ist dort, wo ich keinen Stress habe, wo alle glücklich sind. Diesen Ort habe ich bis jetzt noch nicht gefunden und momentan fehlt mir die Hoffnung darauf, ihn je zu finden.“

Das Bühnenlicht schaltet sich ein. Eine zierliche Frau in einem beigen Ganzkörperanzug (Sunia Asbach) liegt sich auf der Bühne. Sie beginnt, sich langsam und bedächtig zu bewegen. Sie sitzt zusammengekrümmt auf dem Linoleumboden und betrachtet ihren Fuß. Jede Zehe, jede Ader erforscht sie und bewegt sich, als wäre es nicht ihr Körper. Als wäre er ihr fremd. Dann rollt sie sich ab und streckt die Füße in die Luft. Minutenlang wird sie immer wieder neue Ansätze finden, sich selbst zu entdecken.

Eindrücke von Fremde 

Im Stück reihen sich Eindrücke aneinander. Entweder drücken die Tänzer*innen Fremde und Fremdsein auf ihre Weise oder man hört Geschichten über Heimat und Heimatflucht. Einer der stärksten Momente: Als man wieder eine wahre Geschichte hört. „Meine erste Erinnerung ist mit sechs Jahren. Als ich meinen Bruder sah. Tot…“ Drei Jahre wartete ich auf ihn. Wartete, dass er aus diesem Schlaf aufwachen und zurückkommen würde. Bis mir klar wurde, dass er nie wiederkommen würde.“

Hört man Ton, dann wird die Bühnenwand zur Leinwand und zeigt die Kamerafahrt durch ein leeres Haus. In schwarz-weiß. Ohnehin ist das Bühnenbild bis auf eine Ausnahme in schwarz-weiß gehalten: Asbachs hautfarbener Anzug. Sie wird bis zum Schluss die Fremde spielen, die erst langsam in die Gruppe von Jugendlichen finden, die jeder für sich, sich mal behaupten  musste. Sei es durch Tanz, Kampf oder Geduld.

Nadja Raszewski setzt sich in “Arriving on Set” mit dem Thema Ankunft und Fremde auseinander. Die Szenen sind schnell, wild und akrobatisch, die Einspieler schockieren und stimmen nachdenklich. Verorten kann man die Szenen nicht, Raszewski vertritt den Ansatz des Weltbürgers. Jeder ist schließlich irgendwo fremd und das verdeutlicht sie mit ihrer Performance sehr gut.

Kritik: Susanne Gietl

 

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