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Kinder als Publikum

Vor der Tanzvorstellung. Copyright: Roberto Duarte
Vor der Tanzvorstellung. Copyright: Roberto Duarte
Schlagworte
Datum
27. Januar 2019

Tanzen gegen die Schwerkraft, mit Kissen, auf Tischen, mit Buchstaben oder einfach so. Die letzten Tage waren vollgepackt mit jeder Menge Ideen und Herzblut. Die Interaktion mit dem Publikum war genauso vielfältig.

Zeitgenössischer Tanz ist schon für viele Erwachsene eine Herausforderung. Beim PURPLE-Tanzfestival sammeln Kinder und Jugendliche ihre ersten Erfahrungen mit dieser Kunstform. In den letzten Tagen hat sich wiedermal gezeigt, wie vielfältig die Möglichkeiten auf der Bühne sind. Die Kinder erwiesen sich als kritisches, aber auch neugieriges Publikum. Viele Tanzstücke entfalten erst durch das Publikum ihre Kraft.

Kinder als Choreografen

Ein gutes Beispiel kommt von Cie.Burnout. Die 30-jährige Jann Gallois stellt sich dem Publikum tanzend vor. In einem beeindruckenden Solo, das nach der Schwerkraftformel „p=mg“ benennt, zeigt sie, dass wir keine unserer Bewegungen als selbstverständlich hinnehmen sollten. Wie von einem unsichtbaren Magneten werden ihre Hände und Füße immer angezogen und hindern sie daran, sich frei zu bewegen. Noch sind die Kinder beobachtendes Publikum, doch bald werden sie eine aktive Rolle übernehmen.

In dem anschließenden Stück „Carte Blanche“ spielen Jann Gallois und ihre Tanzkompagnie mit dem Publikum. Wer eine Zahl zwischen 1 und 8 auf englisch sagt, der gibt dem Team die Anweisung, was als Nächstes passiert. Viele Kinder strecken ihre Hände in die Höhe, denn welches Kind hat sonst schon die Möglichkeit, Erwachsenen Anweisungen zu geben? Als Nächstes dürfen sie wieder eine Zahl zwischen 1 und 8 wählen, nennen aber zusätzlich einen Namen von einer der Performerinnen. Jann, Marie oder Aloïse. Das circa 20-minütige Stück erfordert einiges an Kondition. Die Kinder belohnen die Tänzerinnen mit Neugierde und vielen Fragen, die sie im Anschluss alle stellen dürfen. Keines der Stücke wurde übrigens für junges Publikum konzipiert.

Warten, bis es losgeht. Copyright: Roberto Duarte

Warten, bis es losgeht. Copyright: Roberto Duarte

 

Indirekte und direkte Interaktion

Eine andere Möglichkeit: Hermann Heisig spricht direkt mit dem Publikum. Denn für „Schwerkraft leicht gemacht“ benötigt er die unterschiedlichsten Utensilien, die er im Zuschauerraum versteckt. „Könnt ihr mir mal helfen?“ ist seine Bitte an die Schulklassen. Ein guter Kniff, denn damit gibt er den jungen Zuschauer*innen Gelegenheit, kurz aus der Position des Publikums auszubrechen, ein bisschen laut zu sein und dann gespannt darauf zu warten, welche neuen Pläne Heisig verfolgt.

Einen ganz anderen Weg geht die Luxemburger Tanzkompagnie Kopla Bunz. Sie machen kein Mitmachtanztheater, dennoch regen sie zum Mitmachen an. In „A, B. Zeh“ singen, tanzen, hüpfen und schwimmen sie leichten Fußes durch das Alphabet. Stimmen sie das „A, B, C-Lied“ an, dann haben die Kinder die Möglichkeit, den Text zu verkomplettieren, ohne dass es gefordert wird. Suchen sie ein(en) – Achtung, am besten jetzt mitsprechen – gefährlichen „B. R.“, dann können die Kinder auf das „B.R.“ auf einer Leinwand deuten. Richtig gelesen, es ist ein B.R. Sprich: Bär! Je nach Gruppe ist im Stück mehr oder weniger Interaktion die Folge.

Später liefern sich Jean Bermes und Marlene Wolfsberger ein Buchstabenbattle. Das Pubilkum fiebert mit. Erst hat Marlene ein „O“ an ihrem Klettverschlussgürtel, dann fügt sie ein Versatzstück hinzu und wird zur Superheldin „Quadrato“. Sie gewinnt die Battlerunde.

A, B, Zeh. Marlene gewinnt im Buchstabenbattle im Stück "A, B, Zeh"- Copyright: Roberto Duarteopyright: Roberto Duarte

A, B, Zeh. Marlene gewinnt im Buchstabenbattle im Stück „A, B, Zeh“- Copyright: Roberto Duarte. Copyright: Roberto Duarte

 

Das richtige Timing

In Isabelle Schads „Der Bau“ hingegen ist keine Aktion des Publikums erforderlich, allerdings spielt das Publikum eine größere Rolle, als man denken könnte. Im persönlichen Gespräch verrät Schad, dass die Länge jeder Szene individuell nach Vorstellung bestimmt wird. Wird das Publikum unruhig, ist es Zeit, den nächsten Schritt zur nächsten Szene zu gehen. So verliert das Stück nie an Spannung.

Timing ist die eine Möglichkeit, Geschwindigkeit die andere. „De Dansers“ aus Utrecht kreieren ein Stück, das aus sich heraus das Publikum fesselt. „Roses“, ihr drittes Stück im Rahmen des PURPLE-Festivals (letztes Jahr performten sie „Pokon“ und „The Basement“) strotzt wie „The Basement“ nur so vor Energie. Die wilde Mischung aus Rockkonzert und Akrobatik kommt gut an, lasst das Publikum staunen, mitwippen und mitfiebern. Ihre Aktionen sind waghalsig. Beispielsweise springen sie von einem Tisch, so dass er einfach mal umfällt und sie leichten Fußes abrutschen und hoffentlich landen.

Copy and Dance. Copyright: Canan Erek

Copy and Dance. Copyright: Canan Erek

 

Nach so viel Input gibt es nur noch eines zu tun: Selbst zu tanzen. Und das dürfen die Kinder, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen bei „Copy and Dance“, Videotanzkaraoke, zur genüge. Spätestens da zeigt sich, dass jeder eine Tänzerseele in sich trägt.

Text: Susanne Gietl

 

 

 

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